Die Entwicklung der Judotechniken –
Gedanken über den Judosport
Text: Michel Brousse und David Matsumoto
Fotos: Ulrich Klocke (4), Paul Clemens (4)
Einer der Gründe, die Judo zu einem so dynamischen Sport machen besteht darin, dass sich die Techniken ständig weiter entwickeln. Die Judo-Wettkämpfer auf allen Wettkampfebenen - von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen bis zum täglichen Judotraining – studieren beständig ihre Gegner und analysieren ihre eigenen Stärken und Schwächen, um neue Methoden von Angriff und Verteidigung zu entdecken und sich anzueignen. Diese ständig neuen Methoden führen zu neuen Griffarten, Bewegungen, Stellungen und letztendlich zu »neuem« Judo.
Gleichzeitig ist es jedoch interessant anzumerken, dass sich die Funktion der Techniken nicht verändert. Die grundlegenden Gesetze der Physik und die Natur der menschlichen Anatomie und der menschlichen Bewegung begründen die Tatsache, dass die zu Grunde liegenden Prinzipien der Judotechnik unverändert bleiben. Wenn man z.B. heutzutage Tomoe-nage anwenden will, so muß man dazu dieselben Prinzipien des Balancebrechens und Krafteinsatzes berücksichtigen wie vor 100 Jahren.
Genau betrachtet gibt es diese Prinzipien in den Kampfkünsten schon hunderte von Jahren bevor Judo überhaupt entwickelt wurde.
Was sich jedoch verändert ist die äussere Form der Techniken. Um heutzutage z.B. Seoi-nage zu werfen benötigt man unorthodoxe Griffe an der Judojacke und greift aus ungewöhnlichen Stellungen und Bewegungen an. Wie genau die einzelnen Sportler die einzelnen Techniken entwickeln und verändern hängt von ihrem Kulturkreis, Geschlecht, Körpertyp und Körperbau, ihrem Judostil und natürlich auch von der jeweiligen Gewichtsklasse im Wettkampf ab.
Daher ist es keinesfalls eine Überraschung, dass in verschiedenen Erdteilen, ja sogar in einzelnen Ländern sich ganz spezielle Stile und Einstellungen zum Judo entwickelt haben. Doch die Prinzipien des Gleichgewichts und der Anwendung der Kraft, die diesen Bewegungen zu Grunde liegen, bleiben überall gleich.
Auch die neu auftauchenden Techniken in den vergangenen zehn oder mehr Jahren, wie z.B. die Ausheber oder die verschiedenen Varianten des Kata-guruma oder ähnliche sind vielleicht gar nicht so »neu« wie man meinen möchte. Tatsächlich gibt es viele dieser Varianten, Modifikationen und Neu-Entwicklungen von Judotechniken, die wir heute bemerken, schon lange im Ju-jitsu, woraus das Judo und andere Wettkampfkünste sich entwickelten. So sind sie daher nur neu im augenblicklichen Judo – tatsächlich haben sie jedoch schon Jahrhunderte existiert.
Möglicherweise ist es dahingegen richtig, dass das Erscheinen und Verschwinden von Judotechniken sich in einem ständigen Wechsel befinden. Die Zeiten, die Menschen und die Kulturen verändern sich und diese Wechsel bringen sicherlich auch Veränderungen in den Formen mit sich, wie Judo ausgeübt wird und welche Funktion die jeweils bestehenden Techniken im Wettkampf besitzen. Diese Entwicklung des Judo bringt es mit sich, dass Judo zu einem aufregenden und sich ständig verändernden Sport und einer ebensolchen Kunst wird.
Text: Michel Brousse und David Matsumoto
(entnommen und übersetzt aus:
Judo - A Sport And A Way Of Life
von Brousse/Matsumoto, Seoul 1999)




»Ura-nage auf einem Bein stehend« (Foto 1-4)
Bis vor wenigen Jahren konnte man diese extrem kraftvolle Art, einen Ura-nage (»Rückwurf«) auszuführen, nur im Männerjudo sehen.
Mittlerweile sind jedoch auch die Spitzenkämpferinnen des Frauenjudo absolut austrainierte Top-Athletinnen, die sich in Hinblick auf ihre Kraftfähigkeiten nicht zu verstecken brauchen. Lena Göldi, Schweizer EM-Zweite -57 kg wirft die Portugiesin Maria Finseca hoch ausgehoben mit Ura-nage.




»Ko-soto-gake mit aufgesetztem Bein« (Foto 5-8)
Dieser dynamisch-selbstbewußte Ko-soto-gake brachte bei der EM 2003 dem Großhadener Florian Wanner seine erste EM-Medaille, Bronze -81 kg. Der enge »Zwickelgriff«, der bewußt gesuchte Körperkontakt und die kraftvoll-zielgerichtete Wurfrichtung nach hinten sind eigentlich Kennzeichen des »russischenStiL« im Judo. So gesehen wird Siarhei Shundzikau (BLR) mit seinen eigenen Waffen geschlagen.
Entnommen aus: JUDO-Sport-JOURNAL, Nr. 35/36, Seite 26-27, Verlag Dieter Born, Bonn, 2003.
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